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Gedanken zu den Kar- und Ostertagen

Gründonnerstag: Was wirklich zählt

Was werden Sie als erstes tun, wenn die Beschränkungen, die durch
die Corona-Krise nötig geworden sind, aufgehoben werden? Eine
Zeitung machte diese Umfrage am Palmsonntag in den Sozialen
Netzwerken.

Ehrlich gesagt kamen mir meine Antworten auf diese Frage sehr
spontan: Freunde treffen, ein Kinobesuch, ins Schwimmbad gehen,
den ausgefallenen Urlaub an der See nachholen, einfach mal shoppen
gehen, wieder ein Restaurant besuchen. Und, ja, ich freue mich auch
auf den ersten Gottesdienst, der wieder „ganz normal“ mit
Menschen stattfinden kann, die auch wirklich anwesend sind.

Ich stutze etwas. Sind das nicht alles Dinge, die so alltäglich sind, wie
sie nicht alltäglicher sein könnten? Dinge, die ich immer als
selbstverständlich empfunden habe?
Und nun vermisse ich all das. Das wird mir nun erst richtig bewusst.
Diese Dinge, aber vor allem auch die Begegnung mit Menschen, die
mir wichtig sind – das gehört alles zu meinem Leben. Ich kann nur
eine gewisse Zeit darauf verzichten.

Was ich als erstes tue, wenn diese Krise vorbei ist, ist das, was mich
nährt und trägt in meinem Leben! Ist das, was mein Leben so richtig
lebenswert macht. Ich merke, dass mir einiges doch viel unwichtiger
ist, als ich dachte. Entlarvend. Aber auch unglaublich befreiend.

Meine Gedanken gehen in den Abendmahlssaal. Jesus zeigt dort
seinen Jüngern, was ihm wirklich wichtig ist. Einander dienen,
füreinander Brot sein, die Gegenwart Jesu erleben – im anderen
Menschen und in der Eucharistie: Darum geht es im Glauben. Könnte
es sein, dass wir als Kirche auf viel zu vielen Nebenschauplätzen
unterwegs sind? Dass wir selber aus dem Blick verlieren, was Jesus
wirklich wichtig war? Bin ich selber „wesentlich“ in meinem Glauben?
Oder immer nur „eigentlich“…?

Der Gründonnerstag lenkt unseren Blick auf das, was wirklich zählt.
Auf das Wesentliche.
Ich nehme mir heute Zeit zu überlegen:

  • Was würde ich in meinem Leben als wesentlich und tragend bezeichnen?
  • Was nährt mich in meinem Glauben? Was ist für mich unverzichtbar?
  • Für wen und auf welche Weise kann ich in diesen Tagen „Brot zum Leben“ sein?
  • Jesus bete am Ölberg. Für wen möchte ich heute beten?

 

Karfreitag: Die Liturgie der Welt

Schon als Kind fand ich die Liturgie am Karfreitag besonders
beeindruckend.
Es läuten keine Glocken, die Orgel schweigt. Der Altarraum ist
nüchtern, keine Kerzen, keine Blumen. Der Altar selbst schmucklos
entblößt. Der Tabernakel offen, das „Ewige Licht“ erloschen.
Und dann der Gottesdienst selbst: Der Priester, der sich mit den
Ministranten nach dem Einzug schweigend niederwirft und
wortwörtlich zu Boden geht, die Lesung vom Gottesknecht, der
schuldlos leidet, die lange und beeindruckende Passion des Johannes,
die Kreuzverehrung, das schweigende Auseinandergehen der
Gemeinde am Ende der Liturgie.

In diesem Jahr wird mir diese zeichenhafte Liturgie fehlen, ahne ich.
Und zugleich kommt mir dieser Gedanke: Zeigt nicht die Welt selbst
in diesem Jahr die Liturgie des Karfreitags?
Schmucklos-schweigend mögen viele in diesen Tagen und Wochen
ihre Umgebung erleben. Aber die Welt schweigt nicht. Sie schreit.

Es gibt Menschen, die zu Boden gehen. Wirtschaftlich. Psychisch.
Menschen, denen der Boden unter den Füßen weggerissen wird.
Es gibt die Menschen, die physisch leiden und die ganz elementare
Not und Lebensangst spüren.
Es gibt auch die, die ohne ein weiteres Wort sprechen zu können, für
immer auseinander gehen müssen, ohne Abschied, ohne eine Hand,
die die eigene hält.

Aber am Kreuzweg gibt es auch Simon von Zyrene, die weinenden
Frauen, Veronika und Maria, die Mutter Jesu. Sie stehen für alle
Menschen, die das Leid aushalten, die es mittragen, die anderen
kleine und große Zeichen der Nähe schenken.

Ja, die Welt selbst vollzieht die Liturgie des Karfreitags. Und ich bin
Teil dieser Liturgie. Schweigend. Hilflos. Sorgenvoll.
Aber auch: Betend. Schenkend. Hoffend.

Die Geschichte endet nicht am Karfreitag. Das ist das Tröstende an
dieser Liturgie. Sie hat ganz am Ende einen Doppelpunkt:

  • Heute nehme ich mir Zeit, um aufmerksam die Leidensgeschichte Jesu zu lesen.
  • Was sagen mir die Menschen am Kreuzweg Jesu: Maria, Simon von Zyrene, Veronika, die weinenden Frauen? Wie kann sich ihr Tun in meinem spiegeln?
  • Wie gehe ich mit Leid um?

 

Karsamstag: Hoffnungsschimmer

Grabesruhe. Die Kirche kennt heute keine Eucharistiefeier. Es gibt
nichts zu feiern, wenn der Tod ins Leben eingefallen ist. Es ist die Zeit
des Nachdenkens. Und vielleicht auch des Vordenkens.

Der Karsamstag hat einen Platz im Glaubensbekenntnis bekommen.
Er scheint also nicht unwichtig zu sein. „Hinabgestiegen in das Reich
des Todes“ – nennt das Credo diesen Vorgang des Karsamstags. Jesus
geht nach unten. Er geht den Dingen auf den Grund. Und erst von
dort aus, aus der Tiefe, gelingt neues Leben, Versöhnung mit dem
Gewesenen und Erlebten, Befreiung.

Karsamstag

Das voranstehende Bild von der zerbrochenen Säule befindet sich in
einem Fenster unserer Kapelle. Es ist eingereiht in den Zyklus von
Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu, der in den Fenstern
dargestellt ist. Die zerbrochene Säule des Tempels – in den
Evangelien ein Sinnbild dafür, dass Jesu Leben zerstört wird und nach
drei Tagen wiederaufgerichtet wird.

Die zerbrochene Säule – ein tiefsinniges Bild. Die Säule trägt nicht
mehr. Sie kann den Tempel nicht mehr zusammenhalten. Sie hat ihre
Bestimmung verloren.

Mir kommt der Gedanke, ob in diesem Bild etwas steckt für unsere
heutige Situation als Kirche. Wer fühlt sich von ihr getragen, und was
bzw. wen trägt die Kirche selbst? Wer ist an der Kirche zerbrochen,
und was zerbricht sie selbst?
Vieles ist in der Kirche in den letzten Jahren und Jahrzehnten
zerbrochen, was wir doch eigentlich als tragend erlebt haben.

In der Corona-Krise ist nun noch mehr zusammengebrochen: die
Gottesdienste – besonders am Sonntag – und die gewohnte Form der
Seelsorge. Keine Taufen, keine Hochzeiten, keine Erstkommunion,
keine Firmung, und Beerdigungen nur im allerkleinsten Kreis. Wann
hat es so etwas je gegeben? Das alles wird schmerzlich vermisst.

All das steckt für mich im Bild der zerbrochenen Säule. Was bleibt der
Kirche nun? Was ist die Kirche denn jetzt überhaupt? Es Zeit, darüber
nachzudenken. Und Zeit, etwas vorzudenken.

Ich schaue mir das Bild von unserem Kirchenfenster etwas genauer
an. Irgendetwas stört das Bild. Ich habe es offenbar nicht sauber
genug fotografiert, denn irgendetwas spiegelt sich in der Aufnahme…

Und dann sehe ich es. Durch das Bild von der zerbrochenen Säule
schimmert ein Zelt. Es ist die Zeltkirche! Wir haben sie Mitte März
draußen, neben der Kirche, aufgebaut. An Ostersonntag sollte sie
starten. Leider mussten wir diesen Start aus den bekannten Gründen
auf unbestimmte Zeit verschieben. Das Motto der Zeltkirche lautet in
diesem Jahr: „Gott gab uns Atem…Himmel trifft Erde“.

Jetzt wird das Bild richtig vielsagend. Durch das Zerbrochene
schimmert etwas Neues. Kann es denn sein, dass durch Kirchen- und
Coronakrise auch etwas Neues schimmert? Ein neues Bild von
Kirche?
Für mich wäre das eine Kirche, die wie unser Zelt ist: Für den
Aufbruch bereit, mitgehend, die festen Mauern einreißend. Eine
Kirche, die für sich – und zwar vom Evangelium her – neu bedenkt,
was es heißt beim Menschen und für den Menschen zu sein. Eine
Kirche, die sich als lernend begreift, und die nicht im Rituellen
erstarrt und menschliche Gebote festzementiert.

Viel Neues ist ja schon in den letzten Jahren entstanden. Und gerade
jetzt sind einige in der Kirche erfinderisch, um den Menschen auf
neue Weise das Evangelium vom Leben zu verkünden. Gut, dass es
jetzt auch die Erfahrung des Wachsens in der Kirche gibt. Vielleicht
bekommen wir ja einen neuen Schimmer davon, was die Sendung der
Kirche in der Welt von heute ist.

Gott gibt uns Atem! Ja, das ist ein passendes Bild für den Karsamstag.
Ostern nimmt Fahrt auf, den Schwung von unten nach oben. Es wird
Zeit, dass sich die verheißungsvolle Hoffnungsbotschaft an Ostern
erfüllt: Himmel trifft Erde!

Es ist eben doch gut, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Hinabzusteigen in die eigenen Tiefen. Nur von dort aus geschieht
Befreiung zu etwas wirklich Neuem, Lebendigem, Tragendem.
Heute nehme ich mir Zeit für folgende Fragen:

  • Was ist mein Bild von Kirche? Habe ich eine Vision, die mich trägt?
  • Welche Säulen gibt es in diesem Bild? Was trägt mein Bild?
  • Wo habe ich in diesem Bild selber eine tragende Rolle?

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