Die mit dem diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autorin Lena Schätte zog die Leserschaft der Zeltkirche von der ersten Minute der Lesung in den Bann.
Die 64 zum Teil sehr kurzen Kapitel erzählen von „Motte“, die in einer Familie lebt, in der Alkoholabhängigkeit über Generationen hinweg eine Rolle spielt. Der Roman handelt von Mottes alkoholkrankem Vater sowie der eigenen Sucht. Darüber hinaus behandelt das Buch auch Themen wie Armut, Ausgrenzung, das Stigma, das Familien mitmachen müssen und starke Frauen.
Der Roman ist autofiktional verfasst und enthält Spuren aus Lena Schättes Heimat, einem Dorf im Sauerland, ihre Erfahrungen als Psychiatriekrankenschwester, die sie auf die Station für Suchterkrankte geführt hat, sowie Abhängigkeitserfahrungen innerhalb der eigenen Familie.
Kompetent erklärt Lena Schätte im von Elisabeth Hoffman-Weber und Dr. Andreas Rohde moderierten Gespräch, dass es auch eine soziale Vererbung der Sucht gebe. Das Hauptaugenmerk im Erzählen liegt auf der Tochter-Vater-Beziehung Mottes. Die Ambivalenz, Tochter eines alkoholkranken Vaters zu sein und damit immer zwischen „zwei Vätern“, dem alkoholisierten und dem nüchternen, hin und her zu schwanken, durchzieht das ganze Buch.
Überzeugend an dem Roman, den Lena Schätte nach langer Recherchearbeit innerhalb von drei Monaten im Café eines Baumarktes schrieb, ist die klare und unverstellte Sprache. Sie berührt durch Nahbarkeit und wirkt an keiner Stelle weinerlich oder moralisch. Die tragischen und brutalen Ereignisse, die der geschilderten Familie widerfahren, könnten nicht in wohlfeilen und schwulstigen Sätzen beschrieben werden, so die Autorin. Der Text enthält kein überflüssiges Wort.
Die Sauerländerin sieht die größte Fehleinschätzung in den Stereotypen über Alkoholiker als heruntergekommene Menschen mit billigem Fusel. Nach ihrer Erfahrung geht der Alkoholismus quer durch alle Schichten.
Die Figuren in dem Roman trügen außer der Erzählerin Motte deshalb auch keinen Namen. „Es könnte so überall, in jedem Dorf und in jeder Stadt, passieren“, resümierte Lena Schätte.
Was bleibt von dem Abend? „Endlich jemand, der diesen Menschen eine Stimme gibt“, brachte es jemand aus dem Publikum auf den Punkt. Und darüber hinaus: Ein differenzierter und sensiblerer Blick auf das Thema Alkoholismus und Sucht allgemein; Wachheit und Aufgeschlossenheit, die Kommunikationslosigkeit über dieses Thema zu durchbrechen; und eine junge Frau, die die schwierige und bedrückende Thematik feinfühlig und mit zarter Wucht zur Sprache bringt.
Die Zuhörerschaft dankte Lena Schätte für diesen dichten Abend, der musikalisch von „Quintity Brass“ aus Olsberg stimmungsvoll begleitet wurde, mit langanhaltendem Applaus.
Auch im kommenden Jahr wird es wieder eine Autorenlesung in der Zeltkirche geben. Wer dann zu Gast und sein Buch vorstellen wird, steht indes noch nicht fest.